Russland: Radio auf Rentierweiden

Große Ljachow-Insel im äußersten Norden von Russland. Foto: Boris Solovyev (cc-by-sa)
Nicht viel los, unbewohnt sogar: Die Große Ljachow-Insel. Andere Teile der Republik Jakutien sind auch nicht gerade dicht besiedelt, weshalb ein engmaschiges UKW-Sendernetz hier keinen Sinn ergibt. Mit Kurzwelle soll hier dennoch Hörfunk hörbar werden. Foto: Boris Solovyev (cc-by-sa)

Nicht überall sind moderne Medien und Smartphones bereits angekommen und etabliert, das dürfte jedem aufmerksamen Beobachter der internationalen Medienszene klar sein. Dass es aber Flecken auf der Erde gibt, in denen sogar UKW-Rundfunk nicht existiert – und auch kein anderes elektronisches Medium – dürfte manchen überraschen. Russland hat solche abgeschiedene Landstriche, etwa in Jakutien im Nordosten des Landes (offiziell bezeichnet als Sacha). In den nördlichen Teilen dieser Republik werde, so heißt es auf der Webseite der dortigen Regierung, noch ein „traditioneller, normadischer Lebenstil geführt“. Und für diese ablegen lebenden Menschen, hauptsächlich Fischer, Bauern und Jäger, soll jetzt wieder eine Radioversorgung aufgebaut werden: via Kurzwelle.2014 endeten fast alle Rundfunksendungen auf Kurzwelle in Russland, sowohl für das Inland als auch das Ausland. Bis dato wurden auch längere Programmstrecken des staatlichen „Radio Rossii“ auf diesem Wege übertragen, erweitert durch regionale Programmfenster. Abgesehen von einer regionalen Ausstrahlung auf Adygeisch für Hörer im Kaukasus schweigen nun aber Kurzwellensender des Landes, ebenso die Langwellenausstrahlungen. Auch alle staatlich betriebenen Mittelwellensender sind seit 2015 abgeschaltet, berichtet etwa das Medienmagazin von radioeins.

Neue Kurzwellensendungen aus Russland bereits ab Mai?

Trotz der schlechteren Tonqualität im Vergleich zu UKW-Ausstrahlungen arbeite man jetzt an einer Wiederaufnahme der Kurzwellensendungen, die auch in entlegenen Gebieten gehört werden können, lässt das Kommunikationsministerium von Jakutien mitteilen. Bis zum Sendestart müsse noch auf die Frequenzzuteilungen gewartet werden, der Regierungsartikel nennt als Hürde zur Aufnahme von Sendungen jedoch auch die Klärung von finanziellen Rahmenbedingungen.

Davon unbeeindruckt scheint es jedoch schon erste Frequenzplanungen zu geben. Das radioeins-Medienmagazin nennt bereits unter Berufung auf eine russische Quelle einen Sendestart spätestens zum 1. Mai 2016 (die offizielle Regierungsseite nennt grob die zweite Jahreshälfte 2016). Künftig sollen werktags acht, samstags und sonntags jeweils zehn Stunden auf den Kurzwellen-Frequenzen 7295 und 7345 kHz die Sendungen des staatlichen Regionalsenders GTRK Sakha ausgestrahlt werden.

Wie es von offizieller Seite heißt, soll damit sichergestellt werden, dass auch in 13 nördlichen und arktischen Regionen das örtliche Radioprogramm gehört werden kann. Konkret kündigt man an, „dass in Dörfern, Wäldern, auf Straßen und sogar Rentierweiden“ der Empfang möglich sei.

Auch wenn Kurzwellenübertragungen im Vergleich mit modernen Verbreitungswegen wie DAB+ oder LTE gerade aufgrund der schwankenden Tonqualität altertümlich wirken mögen: In abgeschiedenen Regionen der Welt, in denen andere Übertragungsmedien kaum eine Alternative sind, kann das „Kurzwellen-Dampfradio“ seine Stärken ausspielen: eine robuste Übertragung über hunderte Kilometer hinweg.

Das Medienmagazin von radioeins (rbb) hat über diese geplanten Sendungen auf seiner Homepage bereits berichtet. Dort findet sich auch ein Foto der Sendeanlage, die künftig die Sendungen für Jakutien übertragen soll. Dies wäre nach der Einstellung diverser Kurzwellenübertragungen die zweite regionale KW-Ausstrahlung in Russland. Bereits on air sind Sendungen auf Adygeisch. Sie laufen montags und dienstags um 1800 UTC und sonntags um 1900 UTC auf der Frequenz 6000 kHz. Das Zielgebiet ist der Kaukasus, gehört werden können sie, selbstverständlich mit entsprechend schwächerer Signalstärke, auch in Deutschland. Ein Höreindruck:

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